Barrierefreie Version
zurück zur Standardansicht

Hilfswerk fordert Ausbau der Schmerzversorgung in Österreich

Adäquate Behandlung chronischer Schmerzen erspart den Betroffenen unsägliches Leid und der Volkswirtschaft enorme Kosten.

Präsident Othmar Karas: „Adäquate Behandlung chronischer Schmerzen erspart den Betroffenen unsägliches Leid und der Volkswirtschaft enorme Kosten.“ Österreichische Schmerzgesellschaft fordert schmerztherapeutische Versorgung nach internationalem Standard.

  

„In Österreich leiden rund 1,8 Millionen Menschen an chronischen Schmerzen – Tendenz stark steigend. Für 74 Prozent dieser Schmerzpatientinnen und -patienten besteht nach aktuellen Schätzungen der Österreichischen Schmerzgesellschaft kein Therapieangebot. Grund dafür ist die mangelhafte schmerzmedizinische Versorgungsstruktur, die durch zahlreiche Schließungen von Schmerzambulanzen in den letzten Jahren und durch das Fehlen von Einrichtungen im niedergelassenen Bereich zusätzlich verschärft wurde“, stellt Hilfswerk-Präsident Othmar Karas bei einer Pressekonferenz des Hilfswerks heute, Freitag, 28. April, in Wien, fest.

„Chronischer Schmerz wird zusehends zur Volkskrankheit und keiner fühlt sich verantwortlich. Wir müssen diesen Menschen helfen, indem wir einerseits eine flächendeckende schmerztherapeutische Versorgung nach internationalen Standards aufbauen und andererseits massiv in die Aufklärung sowie Sensibilisierung breiter Bevölkerungsschichten investieren. Schmerzpatientinnen und -patienten dulden viel zu oft ihre gesundheitliche Beeinträchtigung, reden nicht darüber und wenn sie reden, dann werden sie vielfach nicht ernstgenommen. Jede Form der Verbesserung trägt unmittelbar zur Steigerung der Lebensqualität der Betroffenen bei“, so Karas. 

Enormer sozialer und volkswirtschaftlicher Schaden

Das Hilfswerk betreut als größter mobiler Pflegedienst österreichweit laufend mehr als 30.000 Menschen und schlägt sich tagtäglich mit den Folgen der suboptimalen Versorgungssituation von Schmerzpatientinnen und -patienten herum. Dazu Karas: „Diesen Menschen widerfährt unfassbares Leid.  Doch auch die negativen Auswirkungen auf deren soziales Umfeld, insbesondere auf die Angehörigen, dürfen nicht vergessen werden. Hinzu kommen die volkswirtschaftlichen Folgekosten dieses gesundheitspolitischen Wahnsinns.“ Alleine 660.000 Krankenstandstage, das ist die Hälfte aller Fehltage, gehen auf das Konto von Erkrankungen des Muskuloskelettalsystems. Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten allein dieses Krankheitsbildes werden auf etwa 5,5 Mrd. Euro geschätzt. 33 Prozent der Menschen mit chronischen Schmerzen sind berufsunfähig. 21 Prozent gehen in Frühpension. Die Rückkehrwahrscheinlichkeit an den Arbeitsplatz korreliert mit der Dauer des Arbeitsausfalls. Nach sechs Monaten Krankenstand kehrt im Durchschnitt nicht einmal die Hälfte der Arbeitskräfte in ihren Job zurück. Die direkten Kosten einer Chronifizierung von Schmerzen durch eine mangelhafte oder nicht erfolgte Schmerztherapie liegen schätzungsweise bei 1,4 bis 1,8 Mrd. Euro. 

Schmerztherapeutische Versorgung rasch ausbauen

„Besonders häufig, nämlich durchschnittlich achtmal pro Jahr suchen Schmerzpatientinnen und -patienten heimische Arztpraxen auf. Kein Wunder, denn es dauert im Schnitt etwa 1,7 Jahre bis eine Diagnose vorliegt und weiter 1,9 Jahre bis zu einer entsprechenden Therapie“, beschreibt Wolfgang Jaksch, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft, den Leidensweg. Werden Schmerzen, die über einen Zeitraum von drei Monaten andauern, nicht rasch und vor allem interdisziplinär behandelt, droht eine Chronifizierung, die unter allen Umständen verhindert werden muss. Hier setzt die Österreichische Schmerzgesellschaft mit ihrem neuen Handlungsleitfaden zur Verbesserung der schmerztherapeutischen Versorgung an, der eine strukturelle Gliederung sowie Qualitätskriterien festlegt. „Gemäß Patientencharta haben Patientinnen und Patienten Anspruch auf eine medizinische Versorgung nach dem jeweiligen Stand der Wissenschaft bzw. nach anerkannten Methoden. Wenn man das ernst nimmt, dann brauchen wir dringend eine flächendeckende Versorgungsstruktur nach internationalem Vorbild mit hoher Qualität. Dazu wären als Versorgungspyramide sowohl spezialisierte, vollzeitbetriebliche Schmerzambulanzen nach dem Vorbild Klagenfurt – der einzigen österreichischen Einrichtung dieser Art, die internationalen Standards entspricht –, aber auch Einrichtungen im niedergelassenen Bereich mit Zugang für alle Patienten notwendig“, so Jaksch. Doch nicht nur die Strukturen bedürfen eines zügigen Ausbaus, auch bei der Ausbildung des medizinischen Fachpersonals fordert Jaksch Verbesserungen, indem künftig etwa Ärztinnen und Ärzten eine Spezialisierung im Bereich Schmerztherapie ermöglicht werden soll. 

Dem Schmerz aktiv die Stirn bieten

Neben einer adäquaten schmerztherapeutischen Versorgung stellt das individuelle Verhalten der Betroffenen einen wesentlichen Faktor für das Wiedererlangen von Lebensqualität dar. Das Hilfswerk bietet mit dem neuen Schmerz-Ratgeber praxisnahe Tipps bei chronischen Schmerzen. „Wir wollen die Menschen ermuntern, aktiv zu werden – die Erkrankung anzunehmen, medizinischen Rat einzuholen, den Alltag oder beispielsweise die Wohnsituation an die Einschränkungen durch die Schmerzerkrankung anzupassen“, erläutert Roland Nagel, fachliche Leiter Pflege und Betreuung beim Hilfswerk, das Ziel der Initiative „Aktiv gegen Schmerz“, „nur so lässt sich ein ,gutes‘ Leben trotz chronischer Schmerzen in kleinen Schritten sukzessive wieder erarbeiten.“ Schmerzpatientinnen und -patienten können sich an die Service-Hotline 0800 800 820 wenden oder die Beratungsstation der Hilfswerk Family Tour nutzen. Mehr dazu unter www.hilfswerk.at. 

Unterschriftenaktion „Allianz chronischer Schmerz“

„Die Politik muss umgehend handeln, um diese im wahrsten Sinne des Wortes schmerzhafte Lücke in unserem Gesundheitssystem zu schließen. Die Probleme von mehr als einem Fünftel der Bevölkerung wie in der Vergangenheit letztlich zu ignorieren, ist gerade angesichts einer alternden Gesellschaft garantiert der falsche Weg. Das Hilfswerk bietet mit seinem praxisnahen, vielfältigen Angebot ganz konkrete Unterstützung. Und auch auf politischer Ebene werden wir bei diesem Thema nicht locker lassen. Wer sich persönlich für dieses wichtige Thema stark machen möchte, den ermuntern wir, die Unterschriftenaktion der „Allianz Chronischer Schmerz“ (www.schmerz-allianz.at) zu unterstützen“, so Karas abschließen. 

Die heutige Pressekonferenz war auch der Auftakt zur Hilfswerk Jahresinitiative „PFLEGE betrifft. VORSORGE hilft.“ und zur aktuellen Offensive „Aktiv gegen Schmerz“, mit Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung, Öffentlichkeitsarbeit und der Hilfswerk Family Tour, einer Roadshow mit rund 50 Stationen in Österreich. Partner sind Erste Bank und Sparkassen, s Versicherung, s Bausparkasse, Wiener Städtische sowie Neuroth und Publicare. Details zur heutigen Pressekonferenz, zur Jahresinitiative und zur Hilfswerk Family Tour finden Sie auf www.hilfswerk.at