Wir haben uns mit Kerstin Pammer-Schweighofer unterhalten und sehr interessante Informationen zu unserem Zuhause als Ort der Geborgenheit erhalten.
Einblicke: Frau Pammer-Schweighofer, bevor wir in die Details gehen eine Frage vorab, warum sind vertraute Orte
für uns Menschen denn überhaupt so wichtig?
Kerstin Pammer-Schweighofer: Orte, die wir kennen, sind für uns deshalb so wichtig, weil sie uns helfen, Ängste und Unsicherheit zu reduzieren und Stress abzubauen. Wir merken das besonders, wenn wir beispielsweise auf Urlaub fahren: an uns unbekannten Orten müssen wir mehr Energie und mentalen Aufwand aufbringen, um uns zu orientieren. Vor allem der Ort, an dem wir aufgewachsen sind, vermittelt uns das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Damit sind diese Orte sogar ein Teil der eigenen Identität.
Zahlreiche Erinnerungen – positive wie negative
Einblicke: Was genau ist es denn, was wir mit unserem Zuhause verbinden?
Kerstin Pammer-Schweighofer: Mit dem eigenen Zuhause verbindet man ein tiefes Gefühl der Geborgenheit, der Sicherheit und des Rückzugs. Es ist ein persönlicher Zufluchtsort, der einem Ruhe und Entspannung bietet. Es weckt positive Erinnerungen und es ist der Ort, an dem Menschen leben, mit denen man in engsten emotionalen Beziehungen lebt. Frühere Generationen wurden ja sogar im eigenen Haus geboren und haben von da an meistens ihr gesamtes Leben dort verbracht.
Einblicke: Gibt es einfache Veränderungen, ein Zuhause emotional wärmer zu gestalten? Welche Rollen spielen dabei Ordnung und persönliche Gegenstände?
Kerstin Pammer-Schweighofer: Für das Schaffen einer warmen angenehmen Atmosphäre können warme Lichter, Kerzen, Düfte, weiche Decken oder Gegenstände aus Lieblingsmaterialien wie Holz oder kuscheligen Baumwollstoffen hilfreich sein. Ordnung hat ebenfalls sehr positive Wirkungen auf die psychische Gesundheit und das allgemeine Wohlbefinden. Ordnung reduziert Stress, fördert die Konzentration und kann sogar das Risiko für Depressionen senken. Eine Ordnung im Außen führt zu einer inneren Ordnung im Selbst und damit zu einem entspannten Gefühl und dem Gefühl der Geborgenheit. Weiters ist der positive Effekt des Aufräumens auf das Wohlbefinden auch unmittelbar körperlich spürbar, da der Körper dabei Glückshormone ausschüttet.
Unser Zuhause – ein Ort der persönlichen Geschichte
Einblicke: Heutzutage leben wir ja nicht mehr, wie in früheren Generationen noch üblich, ein Leben lang im gleichen Zuhause. Wie verändert sich das Wohnen im Laufe des Lebens?
Kerstin Pammer-Schweighofer: Im Laufe unseres Lebens verändert sich das Zuhause, die Art zu wohnen und zu leben sehr stark, abhängig von der Lebensphase. Das Zuhause passt sich an unsere Bedürfnisse an und berücksichtigt die aktuellen Lebensumstände und die eigene Rolle. Da wäre zuerst unsere Kindheit, in der das Zuhause meistens und hoffentlich ein Ort der Geborgenheit ist. Die Eltern als´Bezugspersonen bieten und gestalten einen Ort der Sicherheit. Hier sollte das Zuhause vor allem Spielplatz, Lernort und Schutzraum sein. In der „Jugend“ nimmt das Zuhause vermehrt die Funktion der Identitätsstiftung an. Das eigene Zimmer wird ein Produkt der eigenen Identität, d.h. die Jugendlichen gestalten ihren Raum nach ihren eigenen Vorlieben und Bedürfnissen und entwickeln dadurch ihr Selbstbild und ihre eigene Identität. Das eigene Zimmer stellt auch einen wichtigen Rückzugsort für die Jugendlichen dar, um in dieser Entwicklungsphase über sich selbst, die Mitmenschen und die Welt reflektieren zu können. Gleichzeitig entsteht jedoch auch der Wunsch nach mehr Freiheit außerhalb des beschützenden Zuhauses.
In der Phase des „Frühen Erwachsenenalters“ kommt es langsam zu einer Ablösung vom vertrauten elterlichen Zuhause. Man macht sich auf die Suche nach einem eigenen „Nest“ und gestaltet sich dieses nach seinen eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen.
Tritt man in die Phase der Familiengründung ein, dann wird das eigene Zuhause oft größer und funktionaler. Es fungiert als Lebensmittelpunkt für die gesamte Familie und Freunde. Es stehen vor allem die Bedürfnisse der Kinder im Mittelpunkt, und diesbezüglich verändert sich auch die Gestaltung des eigenen Raums. Es stehen Punkte wie Sicherheit im eigenen Haus, Funktionalität von Möbeln oder die optimale Alltagsorganisation im Vordergrund.
In der späteren Lebensphase und nach dem Auszug der Kinder wird das eigene Zuhause wieder mehr zu einem Ort der Ruhe, des Komforts und vielleicht auch schon der Barrierefreiheit.
Einblicke: Im Alter kommt oft der Moment, wenn man nicht mehr zu Hause bleiben kann oder möchte. Was passiert, wenn man das eigene Haus verlässt und der Umzug ins Pflegeheim oder in eine betreute Einrichtung ansteht?
Kerstin Pammer-Schweighofer: Dieser Abschied stellt für viele Menschen ein sehr schmerzhaftes Ereignis dar. Viele Menschen können gerade diesen Verlust nicht verkraften. Es handelt sich ja nicht nur um einen materiellen Verlust, sondern auch um den Verlust von vielen schönen Erinnerungen und der Autonomie. Selbstständigkeit und Selbstbestimmung verändern sich beim Umzug in ein Pflegeheim, in Richtung Fremdbestimmung. Das kann sich sehr verletzend anfühlen.
Um diese Umstellung besser verarbeiten zu können, ist vor allem ein Punkt besonders wichtig: der Punkt der selbstbestimmten Entscheidung, wo man den letzten Lebensabschnitt verbringen möchte. Durch eine bewusste und selbstbestimmte Entscheidung hat der Mensch das Gefühl, die Kontrolle über die Situation und das eigene Leben zu haben.
Wenn das Zuhause auseinanderbricht.
Einblicke: Was passiert emotional, wenn sich das Zuhause verändert, weil Kinder ausziehen, der Partner verstirbt oder ein*e Bewohner*in pflegebedürftig wird?
Kerstin Pammer-Schweighofer: Das sind alles Situationen, die zu einer großen Unsicherheit führen. Im ersten Moment entsteht häufig ein Gefühl der Leere und der Betäubung. Teilweise kann es auch zu einer kompletten Überforderung eines Menschen führen, sodass dieser nicht mehr in der Lage ist, seinen Alltag zu bewältigen. Hier benötigt der Mensch viel Zeit und Raum, um über seine Gefühle und Bedürfnisse sprechen zu können. Und natürlich ein soziales Netz, das den oder die Betroffene emotional auffangen kann.
Einblicke: Manchmal kommt es vor, dass der Ort, an dem man sich viele Jahre zu Hause gefühlt hat, zerbricht. Sei es durch Scheidung, Trennung oder Zerstörung wie Hochwasser oder Brand. Was kann man tun, um diese Situationen zu meistern?
Kerstin Pammer-Schweighofer: Das Verlieren des eigenen Zuhauses durch Trennung oder Scheidung kann zu einem großen emotionalen Schmerz und einer persönlichen existentiellen Krise führen. Gefühle wie Angst, Wut, Zorn, Trauer oder Unsicherheit treten dabei auf. Oft haben Betroffene auch das Gefühl, einen Teil von sich selbst zu verlieren. Besonders traumatische Auswirkungen kann natürlich der Verlust des eigenen Zuhauses durch Naturkatastrophen haben. Hierbei wird nicht nur real das eigene Zuhause zerstört, sondern es kommt auch zu einer körperlichen Bedrohung bzw. zu einer Bedrohung des eigenen Lebens. Manche Menschen erkranken danach an einer posttraumatischen Belastungsstörung. So kommen nicht nur finanzielle Sorgen auf die Familie zu, sondern auch zusätzliche psychische Belastungen.
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