Aktuell liegt die Pflege wieder einmal im toten Winkel der politischen Agenda. Bei der Pflegereform bewegt sich wenig bis nichts. Dabei ist sie ein Thema, das der österreichischen Bevölkerung unter den Nägeln brennt. Die Politik tut indes wenig, um ein zukunftsfähiges, den Bedürfnissen der Menschen entsprechendes Pflegesystem auszugestalten: Dringend notwendige Weichenstellungen wie die Digitalisierung des Sektors werden verschleppt. Die Weiterentwicklung der Versorgungslandschaft unterbleibt, Fehlsteuerungen wirken fort. Zu viele ältere Menschen landen zu oft in Spitälern und verbleiben dort zu lange. Die mangelnde Verzahnung von Gesundheits- und Pflegewesen zeitigt kostspielige Drehtüreffekte und sinnloses Leid. „Holen Sie die Pflege endlich aus dem toten Winkel! Jeder weitere Tag Stillstand wird teurer und verschlimmert die Lage“, appelliert Elisabeth Anselm, Geschäftsführerin des Hilfswerk Österreich und derzeit Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt (BAG) an die zuständige Politik. Die BAG ist ein Zusammenschluss von Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotem Kreuz und Volkshilfe. Gemeinsam pflegen und betreuen die Organisationen laufend rund 155.000 ältere und chronisch kranke Menschen in Österreich.
Verzögerte Digitalisierung als Symptom einer planlosen Pflegepolitik
„Am 19. Dezember 2025 hat das Gesundheitsministerium den lange diskutierten, gut vorbereiteten und im Budget bedeckten Innovations- bzw. Digitalisierungsfonds für die Pflege gestrichen oder, wie man seitens der Politik verlauten ließ: verschoben. Da standen die Pflegedienstleister aber längst in den Startlöchern, um 2026 und 2027 die Digitalisierung von Prozessen wie der Pflegedokumentation aufzusetzen. Digitalisierung bedeutet Entlastung des Pflegepersonals, mehr Sicherheit für pflegebedürftige Menschen, mehr Effizienz und Kontinuität. Vor allem aber geht es auch um die mit 2028 gesetzlich vorgeschriebene Anbindung der Langzeitpflege an ELGA – ein Meilenstein für die Überwindung der Systemgrenzen zwischen Gesundheitswesen und Langzeitpflege“, erläutert Elisabeth Anselm. „Der gestrichene Digitalisierungsfonds ist symptomatisch. Egal, ob es um Digitalisierung und ELGA-Anbindung, um Technologie in der Pflege oder Telecare geht: Es fehlt ein Bild vom Ziel. Wo wollen wir in Österreich hin mit Digitalisierung und Technologie in der Pflege?“ kritisiert Anselm. Es mangele nicht nur an validen Zielbildern, sondern in der Folge auch an umsichtig und praxisgerecht gestalteten Transformationspfaden. „Das wirkt leider alles recht planlos und macht uns große Sorgen für die Zukunft“, so Anselm.
Versorgungslandschaft – an den Bedürfnissen der Menschen vorbei
Im Auftrag der Diakonie hat das Market-Institut erhoben, ob die Menschen in Österreich wissen, wohin sie sich wenden können, wenn ein Angehöriger Pflege braucht und sie das nicht allein stemmen können. „Das Ergebnis ist bestürzend und muss die Politik aufhorchen lassen: Jede bzw. jeder Zweite weiß nicht, wie er/sie an Informationen über Unterstützungsangebote bei Pflegebedarf kommen soll“, sagt Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich und fährt fort: „Dramatisch ist auch, dass zwei Drittel der Bevölkerung der Meinung sind, Menschen im Alter bekämen nicht die Unterstützung, die sie brauchen“, so Moser. Die Angebote sind zu sehr geprägt von althergebrachten Leistungskatalogen. Fehlende Flexibilität, mangelnde Prävention, wenig Individualisierbarkeit und sozialräumliche Orientierung – kurz: inadäquate Unterstützungsangebote – lotsen Menschen ohne Notwendigkeit in die teure stationäre Pflege. „Wir fordern die Politik auf Bundes- und Länderebene auf, bedürfnis- und bedarfsgerechte Angebote für Menschen im Alter zu schaffen, auch im Bereich der Prävention. Zudem ist Pflege mehr als ‚warm, satt, sauber‘. Es geht nicht nur um Hygiene und medizinische Versorgung, es geht um Teilhabe bei Pflegebedarf, um Gemeinschaft, um Maßnahmen gegen die Einsamkeit“, sagt Moser.
Schwindende Leistbarkeit der erwünschten Pflege zu Hause
Pflege zu Hause ist nicht nur das Wunschmodell der meisten Menschen, sondern auch volkswirtschaftlich günstiger als die stationäre Betreuung. Dennoch kämpfen immer mehr Familien mit den Selbstbehalten für mobile Dienste, mit hohen Kosten bei der 24-Stunden-Betreuung, mit Ausgaben für Pflegehilfsmittel oder für notwendige Wohnraumadaptionen. „Mangelnde Leistbarkeit der Pflege zu Hause zwingt Menschen ins Pflegeheim. Aus dem Sozialbarometer Pflege 2025 geht hervor, dass drei Viertel der Befragten der Meinung sind, dass die Politik Familien mit der Pflege von Angehörigen allein lässt. Die Pflegerealität der Menschen – meist wird sie von Frauen geleistet – und die politischen Antworten darauf klaffen weit auseinander. Die Selbstbehalte sowie das Pflegegeld an sich bedürfen einer gründlichen Evaluation und Reform. Pflege darf nicht in die Armut führen. Pflege zu Hause darf kein Luxus sein“, meint Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe Österreich.
Langzeitpflege als Schlüssel in der Gesundheitsreform
Österreichs Gesellschaft altert. Die längere Lebenserwartung führt am Lebensende auch zu einer längeren Phase der Multimorbidität. Betroffene suchen für relativ einfache Behandlungen, zum Beispiel Wundversorgung oder Diabetes-Einstellung, häufig Einrichtungen des Gesundheitswesens wie Ambulanzen, Spitäler und Praxen auf. Sie legen unnötige Wege zurück und erzeugen höhere Kosten. Die Hauskrankenpflege kann diese Behandlung wesentlich effizienter durchführen. Dagegen steht allerdings der je nach Bundesland unterschiedlich hohe Selbstbehalt für die pflegebedürftige Person. Es fehlt an einer integrativen Planung und Lenkung in Gesundheit und Pflege. „Wer die Parole ‚mobil vor stationär‘ ernst nimmt, muss Kosten und Selbstbehalte so steuern, dass es nicht zu Fehlanreizen und einem aus fachlicher Sicht unnötigen Wechsel in eine höhere und teurere Betreuungsform kommt“, fordert Anna Parr, Generalsekretärin der Caritas Österreich. „Eine würde- und qualitätsvolle Versorgung hochaltriger Menschen lässt sich langfristig nur dann sicherstellen, wenn der größte Pflegedienst des Landes, die pflegenden Angehörigen weder finanziell noch psychisch und physisch ausbrennen. Deren wirksame Entlastung durch eine leistbare professionelle Langzeitpflege senkt die Kosten im Gesundheitssystem. Deshalb muss die Langzeitpflege vom Rand ins Zentrum der Gesundheitspolitik rücken“, so Parr.
„Drehtüreffekte“ zwischen Gesundheits- und Pflegesystem
3,4 Millionen Einsatzfahrten verzeichnet das Rote Kreuz pro Jahr. Manche davon wäre unnötig, würde die Verzahnung von Gesundheits- und Pflegesystem besser funktionieren. „Viele unserer Fahrten sind dem Drehtüreffekt geschuldet. Menschen werden aus dem Spital in häusliche Pflege entlassen. Wo diese aber nicht adäquat geleistet werden kann oder am schlechten Informationsfluss scheitert, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die entlassene Person bald wieder ins Spital zurückgebracht werden muss“, sagt Gerry Foitik, Bundesrettungskommandant des Österreichischen Roten Kreuzes. „Der Drehtüreffekt bindet Zeit und Ressourcen – im Spital, im Rettungsdienst durch wiederholte Transporte, in der stationären und mobilen Pflege sowie bei Pflegefachkräften und Ärztinnen bzw. Ärzten. Es entstehen Kosten für Akutversorgung, die durch eine gut ausgebaute häusliche Versorgung vermeidbar wären. Der Gesetzgeber ist gefordert, die Rahmenbedingungen für eine verlässliche Übergangs- und Nachsorge zu verbessern, insbesondere durch den Ausbau und die nachhaltige Finanzierung mobiler Pflege- und Unterstützungsangebote. Dadurch können wiederholte Spitalsaufenthalte vermieden werden, was langfristig sowohl Kosten im Gesundheitssystem senkt, als auch Ressourcen im Krankenhaus- und Rettungsbereich freispielt“, argumentiert Foitik. Wichtig seien insbesondere Präventions- und Beratungsangebote sowie die gezielte Förderung der Selbstständigkeit im eigenen Haushalt.
Die BAG (Bundesarbeitsgemeinschaft Freie Wohlfahrt) ist der größte Verbund von Langzeitpflege-Anbietern in Österreich. Seit 1995 haben sich die großen gemeinnützigen Sozialorganisationen Öster-reichs – Caritas, Diakonie, Hilfswerk, Rotes Kreuz und Volkshilfe – zusammengeschlossen. Im BAG-Verbund sind rund 22.500 Menschen in Pflege und Betreuung beschäftigt. Sie pflegen und begleiten 155.000 Menschen in mobiler und stationärer Pflege sowie in sonstigen Betreuungsformen. In der mobilen Pflege übernehmen die BAG-Organisationen zwei Drittel aller geleisteten Stunden.
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